Alkoholproblemen

Alkoholismus in der Arbeitswelt

Alkoholismus hat Einfluss auf das gesamte Leben – bei Betroffenen und auch deren Umfeld. Bei Co-Alkoholismus denkt man in erster Linie an Familienangehörige oder enge Freunde. Besonders gravierend ist diese Konstellation im Kollegenkreis. Dazu hat uns hat uns Jürgen Schwebke ein sehr informatives Interview zugesandt. Herzlichen Dank dafür.

Interview

»Ich nehme mir das Leben, solange ich noch am Leben bin«

Mit Jürgen Heckel, Alkoholiker, über 24 Jahre trocken, Suchtberater, Buchautor, Kommunikationstrainer und Diplom-Bibliothekar, der von sich hofft, auf dem Weg zur Nüchternheit zu sein, sprach Hans-Jürgen Schwebke über Alkoholismus in der Arbeitswelt.

Herr Heckel, wie funktionierten Sie als Trinker in der Arbeitswelt?
Dreißig Jahre war ich Gefangener eines alkoholischen Systems. Alle meine Interessen, alle meine Begabungen, alle meine menschlichen Eigenschaften wurden dem Suchtsystem untergeordnet. Zug um Zug brach ich meine nicht alkoholischen Außenbeziehungen ab. Eines Tages waren infolgedessen dann auch meine kommunikativen Fähigkeiten erloschen. Jeglicher Zugang zu mir selbst war verbaut – auch der Zugang zu den Kolleginnen und Kollegen. Denn wer zu sich selbst keinen Kontakt mehr findet, findet ihn auch nicht zu seinem Umfeld.

Somit vereinsamt der Trinker zunehmend, er wird isoliert und isoliert sich selbst. Wie haben Sie diesen Zustand erlebt?
Die "Erfahrung dieses Abgetrenntseins erregt Angst", schrieb Erich Fromm. Ich halte "Abgetrenntsein" für die Quelle aller Ängste, denn losgetrennt bedeutet, abgeschnitten zu sein. Im gleichen Zusammenhang wies Erich Fromm darauf hin, dass "Abgetrenntsein Scham und Schuldgefühle produziert". Das entspricht meinen Erfahrungen. Ich war nicht nur ständig voller Alkohol. Ich war immer auch voller Scham. Scham ist eine der grundlegendsten Dynamiken aller Süchte. Scham verursacht Sucht und Scham entsteht aus Sucht. Dieser Prozess zerstörte meinen menschlichen Kern: Verlust der Selbstachtung, Isolation und Einsamkeit, denn Kommunikation ist nicht nur Mittel, sondern auch Selbstzweck. Wer nicht trinkt verdurstet, wer nicht isst verhungert, wer nicht kommuniziert verdorrt. Gleichzeitig schwindet auch im Arbeitsprozess das Bewusstsein für Ethik und Moral.

Das Gefährlichste am Alkohol ist, dass sich die Sucht für den Betroffenen unbemerkt einschleicht.
Je abhängiger ein Mensch wird, desto weniger kann er seine Lage realisieren. Dieser Wahrnehmungsdefekt ersparte mir in meiner beruflichen Tätigkeit einen sofortigen Zusammenbruch und eröffnete der Sucht ungehinderte Entfaltung. Im Endstadium erkannte mein ganzes Umfeld die Abhängigkeit, nur ich als Betroffener selbst realisierte es nicht.
Das Paradox: Weil im Endstadium das ganze Leben von der Krankheit Alkoholismus geprägt ist, kann der Betroffene die Krankheit nicht mehr wahrnehmen. Ein Selbsterkennen der Krankheit ist nicht mehr möglich. Ich wurde von einem alkoholischen Denkmodell beherrscht und verlor die Fähigkeit, mich selber wahrzunehmen und zu kritisieren. Ich wurde blind für die eigenen Defizite. Ständig hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Konnte Ihnen Ihr Arbeitsumfeld nicht helfen? War es nicht möglich, wirklich im positivsten Sinne einzugreifen?
Rückmeldungen aus dem Kollegenkreis ließ ich nicht zu und Aufklärung war nicht möglich. Rationalen Argumenten ist ein Betroffener nicht zugänglich. Ein Betroffener verbraucht ungeheure Energien, um vor sich selbst und anderen zu verbergen, dass er dem Alkohol gegenüber machtlos ist. Es sind sinnlos verpulverte Energien, die ihm zur Lebensgestaltung schmerzlich fehlen. Der Alkoholiker verharmlost, verdrängt, verzerrt. Das Leugnen der Krankheit ist ein Teil der Krankheit. Lügen stehen im Zentrum des süchtigen Denkens. Alkoholiker sind Meister der Halbwahrheiten und entwickeln sich im Laufe der Jahre zu genialen Lügnern, denen es gelingt, sich selbst und ihr Umfeld über die wahre Lage zu täuschen. Hätte ich auch nur eine Lüge aus dem Gebäude herausgenommen, das ganze Kartenhaus wäre zusammengebrochen. Jede Lüge zog eine weitere Lüge nach sich, eines Tages fehlte mir dann die Anschlusslüge.

Wie haben Sie diese Defizite und Scham in Ihrer beruflichen Tätigkeit auszugleichen versucht?
Zeitweise habe ich mich im Arbeitsprozess auch ausnutzen lassen. Eilfertig war ich stets bereit, Extraaufgaben zu übernehmen. Ich war Meister im Erkennen, was anderen gefällt. Sich um meine eigenen Bedürfnisse zu kümmern, fiel mir ausgesprochen schwer. "Nicht verzagen, Jürgen fragen" war mein Motto. Mein Glaubenssatz: Mir geht es schlecht, wem kann ich helfen. Es war keine uneigennützige Hilfe, sondern "Gutscheinesammeln", wie ich es nenne. Diese "Gutscheine" habe ich dann in "Krisenzeiten" bei den Kolleginnen und Kollegen eingeklagt.

Was taten die Kolleginnen und Kollegen um Sie herum? Wird nicht sehr lange weggeschaut?
Wo ein Abhängiger ist, da ist auch ein krankes Umfeld. Alkoholiker können so stark sein, dass selbst ein gesundes Umfeld in Richtung Suchtsystembestätigung gedrängt wird. Wir Süchtigen beeinflussen unser Umfeld auf äußerst wirksame Weise. Nicht nur Familienmitglieder, auch Kolleginnen und Kollegen gehen häufig eine Symbiose mit einem Alkoholiker ein. Sie tragen das alkoholische Lügengebäude mit und übernehmen auch für hoffnungslose Fälle die Verantwortung. Sie ermöglichen es dem Alkoholiker, seine Sucht aufrecht zu halten. Ihre Verhaltensweisen sind in unserer Gesellschaft hochgeschätzt. Sie sind häufig der Inbegriff der liebenden, sich hingebenden und kümmernden Person. Obwohl sie aufrichtig helfen wollen, schaden sie den Abhängigen. Immer hoffen sie auf Besserung, doch nie wird es besser, sondern immer schlimmer. Alkoholische Systeme verlangen von allen Beteiligten, die in dem System leben, alkoholische Denkmuster und Verhaltensweisen. Sie werden dafür, je nach Verhalten, entweder belohnt oder bestraft. Wer in diesem Beziehungsnetz lebt oder damit in Berührung kommt, infiziert sich.

Alkoholiker infizieren andere in ihrem Umfeld?
In Co-Abhängigen Gruppen kursiert folgende kleine Geschichte:
"Eine Frau küsste einen Frosch. Sie hoffte, er werde sich in einen Prinzen verwandeln. Das tat er nicht. Sie verwandelte sich auch in einen Frosch." Im Laufe der Zeit entwickeln sich bei der infizierten Person dieselben Muster wie beim Süchtigen. Alkoholiker sind daher nicht nur im eigenen Wachstum gehemmt, sie blockieren auch das Wachstum anderer Menschen. Es kommt zu einer wechselseitigen Blockierung von Entwicklungschancen. Alkoholiker und Co-Abhängige gehen in diesem Netz eine Symbiose ein. Einer ist von dem anderen abhängig.

  • Jeder braucht und missbraucht den anderen.
  • Jeder glaubt die Lügen des anderen.
  • Jeder liebt und hasst den anderen.
  • Jeder zieht den anderen weiter nach unten.
Von einem gewissen Zeitpunkt an gibt es in diesem System keine Schuldigen und Unschuldigen mehr. Alle sind beteiligt. Alle übernehmen bestimmte Rollen, um das Gleichgewicht im System zu erhalten. Alle leiden, aber alle "profitieren" auch davon. Ein Suchtsystem ohne "Mitwirkende" würde austrocknen.

Wie wirkt sich das auf das Betriebsklima aus?
Es hat große Auswirkungen. Alkoholiker sind kräftezerrend im Umgang. Sie sind darüber hinaus begabte Manipulatoren. Mühelos halten sie ganze Kompanien auf Trab. Es gelingt ihnen immer wieder, auch dort Rücksichtnahme, Mitleid und persönliche Anteilnahme zu erzeugen, wo es nicht angebracht ist. Kolleginnen und Kollegen müssen höllisch aufpassen, dass sie sich nicht einspannen lassen und zu Komplizen werden.

Offen über Alkoholprobleme zu reden ist so schwierig. Wie kommt das?
Viele Jahre haben wir weggeschaut, wir sind dafür mitverantwortlich, dass es so weit gekommen ist. Es fehlt der entsprechende Mut. Wir wissen zu wenig über das Krankheitsbild Alkoholismus. Wir sind unsicher, ob der Betroffene wirklich abhängig ist.
Wir halten Verständnis und Toleranz fälschlicherweise für Hilfe. Der Grundsatz der Suchthilfe "Hilfe durch Nichthilfe" ist uns fremd. Die Erreichbarkeit von Alkoholkranken liegt jenseits der Ebene des logischen Argumentierens. Man kennt nur nasse Alkoholiker. Erfahrungsaustausch mit langfristig Genesenden findet kaum statt. Vor einer Fortbildungsveranstaltung über Alkoholismus haben wir uns gedrückt.
Es gehört Zivilcourage dazu, eine Kollegin oder einen Kollegen ruhig und bestimmt auf den Umgang mit Alkohol anzusprechen. Für die meisten Menschen ist das ungewohnt, es gehört zu den unangenehmsten und schwierigsten Dingen. Die Betroffenen üben ungeheuren Druck aus. Deshalb gilt die goldene Regel: Niemals allein diese Gespräche führen – sondern immer zu zweit.

Aus Ihren Äußerungen ergibt sich, dass häufig Alkoholiker am Arbeitsplatz von Vorgesetzten und Kolleginnen und Kollegen auch ausgenutzt werden.
Ja. Weil sie trinken, haben sie permanent ein schlechtes Gewissen und leisten weitaus mehr, als man ihnen abverlangen dürfte. Über einen sehr langen Zeitraum – obwohl ständig unter "Strom" – sind sie fleißige Mitarbeiter. Eilfertig sind sie bereit, Überstunden zu machen und Extraarbeiten zu erledigen. Sie werden oft schamlos ausgenutzt. Kommt die Krankheit offen zum Ausbruch, ist die fristlose Kündigung nur noch eine Frage der Zeit.

Und wie verhalten sich Vorgesetzte und Führungskräfte?
In der Regel nicht sehr viel anders als die anderen. Auch sie sind häufig beklagenswert uninformiert über Süchte. Auch Führungskräfte neigen dazu, Alkoholismus im Betrieb zu tabuisieren. Auch sie drücken sich gern vor Fortbildungsveranstaltungen. In der Regel wird viel zu lange gewartet, um offen mit einem Mitarbeiter über Sucht zu reden. Wenn in einem Betrieb der Verdacht auf Alkoholmissbrauch geäußert wird, ist es meistens schon sehr spät. Immer wieder habe ich in Beratungsfällen gehofft, dass der Klient vielleicht doch nicht abhängig ist. Ich hoffte, dass seine Kolleginnen oder Kollegen sich irrten. Bedauerlicherweise war das in all den Jahren nicht ein einziges Mal der Fall.

Was kann ein Gespräch ausgerechnet im Betrieb beim Abhängigen bewirken?
Der Arbeitsplatz ist der geeignetste Ort, einen Abhängigen konstruktiv unter Druck zu setzen mit dem Ziel, ihm Veränderungschancen zu eröffnen. Es ist der wirksamste Ort, es gibt keinen besseren. Um weitertrinken zu können, ist ein Alkoholiker bereit, alles aufzugeben: seine Ersparnisse, seine Familie, seinen Freundeskreis, alles lässt er fallen, an seinen Arbeitsplatz klammert er sich. Hier kommt den Führungskräften eine besondere Verantwortung zu. Betriebsvereinbarungen helfen ihnen dabei. Als Betroffener plädiere ich ausdrücklich für Suchtvereinbarungen, wo Führungskräfte und Betriebs- und Personalräte zusammenarbeiten. Sie sind dann wirksam, wenn sie für alle gelten. Das größte Problem bei Betriebsvereinbarungen: Nach "unten" werden Führungskräfte aktiv, bei sich "oben" schweigen sie weiter. Diese Ungerechtigkeit zerstört die Glaubwürdigkeit jeder Vereinbarung. Wo immer es möglich ist, sollten Führungskräfte dafür sorgen, dass in die Suchtberatung auch Familienmitglieder mit einbezogen werden.

Was ist die "richtige" Hilfe? Was benötigt der oder die Betroffene für den "Ausstieg"? Welcher betrieblichen Unterstützungen bedarf es?
Den Sumpf aus Leugnen, Vertuschen und Schweigen trocken zu legen, ist aus meiner Sicht die Hauptaufgabe betrieblicher Suchthilfe. Das ist das Wichtigste, was getan werden muss: Das Thema enttabuisieren, darüber sprechen, es nicht mehr leugnen, es nicht mehr vertuschen, es nicht mehr totschweigen. Tabuisiert wird, dass in den Betrieben und Verwaltungen - quer durch alle Etagen - gesoffen wird. In der Regel wird nur verdeckt darüber gesprochen. Offiziell gibt es so etwas gar nicht. Doch Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzte wissen meistens genau, wer in ihrem Betrieb dem Alkohol verfallen ist. Sie decken den Betroffenen, oft genug in bester Absicht.
Wir sollten uns immer wieder ins Bewusstsein holen, dass es sich bei Alkoholismus um eine tödliche Krankheit handelt, es glaubt nur kaum einer, weil es in der Regel Jahrzehnte dauert, bis der Tod eintritt. Hier liegt die Verantwortung bei allen Betriebsmitgliedern. Alle haben einen kleinen Anteil an der "Suchtkarriere" der Kolleginnen und Kollegen. Auch die, die gar nichts tun. Wir sind auch verantwortlich für unser Nichthandeln. Enttabuisierung ist nicht von Mehrheitsentscheidungen oder Betriebsvereinbarungen abhängig – jeder kann damit anfangen. Heute!

Was hat der Betrieb davon, sich dem Thema Sucht zu stellen?
Diese Form des Umgangs mit Süchtigen enthält große Chancen für jeden Betrieb, weit über die Suchtproblematik hinaus. Es würde nicht nur den Betroffenen helfen, sondern gleichzeitig zu einem deutlich verbesserten Arbeitsklima führen. Ich wundere mich schon seit vielen Jahren, dass sich professionelle Suchttherapeuten statt auf Einzelbehandlung nicht auf Betriebstherapie konzentrieren.

Welche Gefahren enthält die Suchtberatung?
Entscheidend ist, Chancen und Möglichkeiten der Suchtberatung realistisch einzuschätzen. Es kann gar nicht oft genug wiederholt werden: Grundlage jeder Suchthilfe ist Hilfe durch Nichthilfe. Niemals Unselbstständigkeit fördern, nichts für den Süchtigen erledigen, was er besser selber machen sollte. "Ich muss lernen, dass neben den Rauschmitteln du und ich als helfende Komplizen das größte Problem der Abhängigen sind. Weil wir sie nicht verstehen, schaden wir ihnen oft mehr als wir nützen, und das in allerbester Absicht", schreibt der bekannte amerikanische Suchtforscher Joseph Pursh. Dieses Zitat gehört meiner Ansicht nach in das Büro eines jeden Suchtberaters.
Nicht nur der Alkoholiker muss vor seiner Sucht kapitulieren, auch der Helfer. Es ist die Einsicht, niemanden trockenlegen zu können. Die Verantwortung für das Leben einer Kollegin oder eines Kollegen liegt nicht in unserer Hand. Wenn einer wirklich sterben will, kann niemand ihn daran hindern.

Was können trockene Alkoholiker im Beratungsprozess leisten?
Auch als Betroffener kann ich nicht sehr viel mehr tun, als ein trockenes Leben in zufriedener Nüchternheit vorleben. Ich kann ein Beispiel geben, dass es sich gewaltig lohnt, den Suchtkäfig zu verlassen. Sich das lebendige Leben nehmen ist die Alternative zur Sucht. Das ist die beste Hilfe, manchmal – in Stunden der Enttäuschung – glaube ich sogar, dass es die einzige Hilfe ist. Ich kann nur den Weg zu den Gruppen und professionellen Helfern aufzeigen. Was die Betroffenen daraus machen liegt nicht in meiner, sondern in deren Hand.

Wie begegnen Sie als Alkoholiker einem Menschen, von dem der Verdacht ausgeht, dass er Alkoholprobleme hat?
Oft werde ich von den Betroffenen gefragt: "Du bist doch Fachmann, du musst mir sagen, ob ich Alkoholiker bin. Mein Chef behauptet es, meine Frau auch, ich zweifle..."
Dann antworte ich: "Ich kann es gar nicht wissen, das musst du selbst herausfinden, lieber Freund. Ein anderer kann es nicht für dich tun. Ich stempele niemanden zum Alkoholiker, das wäre eine Anmaßung."
Ich trete ihm weder mit falsch verstandener Toleranz noch mit Feindseligkeit gegenüber, sondern mit zwei Tugenden: Ich höre ihm aufmerksam und hilfreich zu und konfrontiere ihn mit meinem Verdacht. Ich akzeptiere den anderen so, wie er ist. Ich versuche erst gar nicht, ihn durchschauen zu wollen. Ich spioniere ihm nicht hinterher. Ich verzichte auf alle Kontrollversuche. Empathie bedeutet, in der Lage zu sein, sich in den anderen einzufühlen, aber auch sich selbst mit seinen Augen sehen zu können. Hilfreiches Zuhören ist ein großartiges Geschenk, das ich meinen Mitmenschen mache.

Empathie und Konfrontation – wie geht das zusammen?
Unter Konfrontation verstehe ich die Fähigkeit, mit kommunikativer Klarheit den eigenen Standpunkt zu vertreten. Ich sage dem Betroffenen: "Ich habe in letzter Zeit den Eindruck gewonnen, dass Du ein Problem mit Alkohol hast. Im Betrieb wird auch schon hinter deinem Rücken darüber geredet. Ich möchte heute offen darüber mit Dir sprechen. Ich weiß nicht, ob du Alkoholiker bist, das kannst nur du selbst herausfinden. Doch ab sofort werde ich dein Verhalten nicht länger tabuisieren. Selbst wenn alle anderen es weiterhin tun – ich nicht. Ich werde dich dem Chef gegenüber nicht mehr in Schutz nehmen. Auch deine Arbeit werde ich in Zukunft nicht mehr erledigen. Dafür bist du zuständig. Dass du Hilfe suchst, verlange ich von dir. Es gibt vielfältige Hilfen, psychosoziale Beratungsstellen, Suchtberatung, Selbsthilfegruppen, die du in Anspruch nehmen kannst. Sie helfen dir dabei herauszufinden, was mit dir los ist. Und sollte sich herausstellen, dass du Alkoholiker bist: Es ist keine Schande, ein Alkoholiker zu sein, es ist aber eine Schande, nichts dagegen zu unternehmen. Wenn du willst und du von dir aus auf mich zukommst, dann werde ich dir zu jeder Zeit dabei helfen. Ich habe es auch durchlebt, ich weiß, was so schrecklich wehtut."
Es ist doch so: Du hast zwei Möglichkeiten. Dir immer wieder, Tag für Tag, eine flüssige Kugel in den Kopf zu schießen oder du nimmst dir das Leben in all seiner Fülle. Das lebendige, erfüllte Leben ist die Alternative zur Sucht. Ich habe mich vor 24 Jahren fürs Leben entschieden, und ich nehme mir das Leben, solange ich noch am Leben bin.

Herr Heckel, vielen Dank für das Gespräch.

Hans-Jürgen Schwebke, trockener Alkoholiker, freier Journalist
juergenschwebke@arcor.de


Betriebsvereinbarung Sucht / Stufenplan

Im Interview wurde es bereits angesprochen – es gibt sogenannte Betriebsvereinbarungen Sucht (Stufenpläne). Darin wird geregelt, wie mit Mitarbeitern umzugehen ist, die im Bezug auf Alkohol oder andere Drogen im Betrieb auffällig geworden sind. Was dabei zu beachten ist sowie konkrete Mustervereinbarungen hat die DHS im Dossier
»Sucht am Arbeitsplatz« aufbereitet.

Musterbeispiele für Stufenpläne gibt es ebenfalls bei der DHS:

Beispiele Stufenplan


Medien zum Thema

Zu diesem Thema gibt es interessantes Filmmaterial, das zur Mitarbeiter- und Vorgesetzten-Schulung eingesetzt werden kann. Die komplette Serie kostet ca. 150,00 Euro, die gut angelegt sind.
↗ https://www.ahrens-film.de/dvd_alkohol_am_arbeitsplatz.html

Auch für Selbsthilfegruppen und Therapie-Einrichtungen ist diese DVD geeignet. Unter bestimmten Voraussetzungen können für die Anschaffung dieser Materialien Fördergelder bei der GKV beantragt werden.